23.01.2006

Antitrust Modernization Commission: Runder Tisch von Ökonomen zur Fusionskontrolle

USA
Antitrust Modernization Committee
Fusionskontrolle

http://www.amc.gov/commission_hearings/economists_roundtable.htm

Die AMC hat ihre öffentlichen Konsultationen abgeschlossen. Den Schlusspunkt setzte am 19. Januar 2006 ein Runder Tisch zur Fusionskontrolle. Fünf Professoren der Wirtschaftswissenschaft hatten dafür Statements vorbereitet, von denen vier auf der Website der AMC zugänglich sind:

Professor Steven Kaplan (Chicago)

Wie misst man, ob ein Zusammenschluss erfolgreich ist? Die Ökonomen benutzen dafür verschiedene Kriterien. Sie stützen sich auf die Entwicklung des Börsenwertes (kurzfristig nach Ankündigung der Fusion oder rückblickend auf einen Zeitraum von 3 bis 5 Jahren), auf Angaben in den Bilanzen zur Entwicklung von Gewinnen, cash flow oder anderen Kennziffern, schließlich auf Bewegungen der Produktivität vor und nach der Fusion. Es gibt verschiedene Studien, die eines oder mehrere dieser Kriterien benutzen (sie werden im Statement im Einzelnen erwähnt).

Professor Kaplan kommt zu dem Ergebnis, dass eine Verschärfung der Fusionskontrolle nach den vorliegenden empirischen Untersuchungen nicht zu begründen wäre. In den meisten Fällen vermutet die Börse Effizienzen und honoriert dies auch durch steigende Kurse. Produktivitätsgewinne zeigen sich offenbar vor allem bei diversifizierenden Fusionen. Wenn es negative Wirkungen gibt, treten sie eher bei sehr großen Zusammenschlüssen auf.

Fazit: „Taken as a whole, the financial economics literature provides little, if any support for a more aggressive antitrust policy“.

Professor Peter C. Reiss (Stanford)

Die Marktmacht eines fusionierten Unternehmens kann durch Marktzutritte vermindert werden (Horizontal Guidelines von 1997: likely, timely, substantial). Professor Reiss legt dar, welchen Beitrag die Wirtschaftswissenschaft zur Voraussage von Markteintritten leisten kann.

Früher stellte man auf „Marktzutrittsschranken“ ab, aber die Wissenschaft hat sich auf eine allgemein akzeptierte Definition dieses Begriffes nicht einigen können. Deshalb analysiert man, welche Bedingungen in einer Industrie Marktzutritte leichter machen. Dabei bedient man sich seit einiger Zeit der Spieltheorie. Sie verlangt, dass man bestimmte Annahmen macht: über Produkte, Nachfrage, Kosten, Gewinnschätzungen der eingesessenen und der neuen Unternehmen, über Zeithorizonte und die Kosten bestimmter Aktionen, vor allem aber auch über das Verhalten der etablierten Unternehmen gegenüber Zutritten und über die Annahmen der Neulinge hinsichtlich eines solchen Verhaltens der alten Unternehmen. Damit kann man zwar nicht genau vorhersagen, ob Unternehmen in einen Markt eintreten werden, aber man kann damit einen „wahrscheinlichen Markt“ abbilden, der als Referenzmodell für weitere Untersuchungen benutzt werden kann.

Die Wirtschaftswissenschaft sieht die versunkenen Kosten im Mittelpunkt von Entscheidungen möglicher Wettbewerber. Sind diese Kosten aber einmal getätigt (committed entry), spielen sie keine Rolle mehr. Gibt es überhaupt keine versunkenen Kosten, ist sogar ein hochkonzentrierter Markt bestreitbar (hit and run entry).

Wie ermittelt man Unternehmen, die zum Markteintritt bereit wären? Dies müsste die Wettbewerbsbehörde schon tun, bevor ein second request ergeht. Die Zeit dafür ist deshalb sehr knapp. Gibt es überhaupt ausreichende Instrumente?

Die Wissenschaft kann sagen, was versunkene Kosten sind, hat es aber schwer, sie zu messen (mittels direct accounting oder mit Hilfe der Ökonometrie). Die Modelle, die entwickelt worden sind, taugen aber noch nicht für die praktische Fusionskontrolle, denn zum einen können sie strategisches Verhalten der eingesessenen Unternehmen schlecht einbeziehen, zum anderen können sie auch Änderungen von Einschätzungen der potentiellen Wettbewerber hinsichtlich der Marktentwicklung kaum angemessen berücksichtigen. Solche Modelle werden daher in nächster Zukunft keine große praktische Rolle spielen.

Eine weitere Unsicherheit ergibt sich daraus, dass die Wettbewerbsbehörden nicht nur Marktzutritte identifizieren, sondern diesen Unternehmen auch Marktanteile zuordnen müssen. Berücksichtigt man alle Unternehmen, die eintreten könnten, kann es theoretisch sogar dazu kommen, dass man zu einem Preisverfall des Marktes nach der Fusion kommt, was kaum ein lebensnahes Ergebnis ist. Auch hier kann die Wirtschaftswissenschaft offenbar noch nicht ausreichend helfen. Es kommt hinzu, dass die Gerichte nicht die Geduld aufbringen werden, sich durch komplexe ökonometrische Berechnungen hindurch zu arbeiten (im Fall FTC vs. Staples/Office Depot waren sechs Wirtschaftswissenschaftler und einige Hilfskräfte 6 Monate lang voll mit ökonometrischen Analysen für die FTC ausgelastet: das Gericht stellte am Ende aber bei seiner Beurteilung hauptsächlich auf die historische Entwicklung des relevanten Marktes ab und gewann daraus seine Voraussage).

Fazit: „Building realistic models can be a complex and time-consuming process. Indeed, it may be unrealistic to think that they can be developed as part of a one to three month merger investigation.”.

Professor Daniel L. Rubinfeld (Berkeley)

Professor Rubinfeld kommentiert in seinem Statement Einzelheiten der Horizontal Merger Guidelines, besonders zur Marktdefinition, zur Marktmacht und zu den wettbewerbsschädlichen Auswirkungen, und kommt zu dem Schluss, dass eine grundlegende Überarbeitung unnötig ist.

Er behandelt dann die Frage, ob Simulationsmodelle eine brauchbare Methode in der Fusionskontrolle sind. Die Modelle werden oft kritisiert, weil sie angeblich zugunsten signifikanter Preiseffekte voreingenommen, schwierig anzuwenden seien, oft beträchtliche Datenmengen benötigten und zu sehr auf bestimmten Annahmen über die Marktstruktur beruhten. Professor Rubinfeld teilt diese Meinungen nicht, meint aber, Simulationsmodelle dürften nicht die einzige Entscheidungsbasis darstellen. Man sollte verstärkt die in konkreten Fällen benutzten Simulationsmodelle später durch eine ex-post Analyse überprüfen. Auf diese Weise könnte man die Methode sicher verfeinern.

Professor Lawrence J. White (New York)

In dem Beitrag wird zunächst rekapituliert, wie die Horizontal Merger Guidelines entstanden sind. Danach wird die Bedeutung der Konzentration eines Marktes für die Wettbewerbsanalyse diskutiert und warum es besser ist, dabei auf die Entwicklung der Preise statt der Gewinne abzustellen. Es gibt aber keine lineare Beziehung zwischen dem Konzentrationsgrad und der Höhe der Preise, denn auf die Preise wirken auch viele andere Faktoren ein wie etwa die Natur der Produkte, die Leichtigkeit des Marktzutritts oder die Nachfragemacht der Gegenseite. Deshalb wäre es verfehlt, einfach von der Konzentration auf die Preisentwicklung zu schließen. Nützlich wäre es, rückblickend die Preisentwicklung nach dem Vollzug bestimmter Zusammenschlüsse zu untersuchen und daraus Material für bessere Analysen zu gewinnen.

Schwächen haben die Guidelines bei der Bestimmung von unilateralen Effekten. Hier bedürfte es der Revision. Die Marktabgrenzung nach den Guidelines muss ebenfalls weiter entwickelt werden. Sie ist für koordinierte Effekte gut zu gebrauchen, nicht jedoch nach Professor White für die Untersuchung von Monopolisierungen.

Anmerkung

Der Beitrag von Professor Timothy Bresnahan, dem fünften Teilnehmer des Runden Tisches, ist noch nicht abrufbar. Professor Rubinfeld hat seinen Beitrag, der zunächst verfügbar war, wieder von der Website nehmen lassen.